Der Weg unseres bayerischen Holzes
Im ersten Teil unserer Serie haben wir darüber gesprochen, warum die Heimat eines Möbels so entscheidend für seinen Charakter ist. Wir haben gesehen, dass Regionalität für Transparenz, kurze Wege und eine tiefe Verbundenheit steht. Doch wo genau beginnt diese Geschichte? Sie beginnt nicht mit einem Entwurf oder einem Werkzeug. Sie beginnt viel früher.
Sie beginnt mit dem leisen Rauschen von Blättern im Wind, dem erdigen Duft von Moos und feuchtem Boden und dem Spiel des Lichts, das durch ein dichtes Kronendach bricht. Komm mit uns auf eine Reise in die bayerischen Wälder – dorthin, wo die Seele jedes einzelnen Tisches von „Tisch-Ideen“ ihren Ursprung hat.
Der Wald atmet – Ein Pakt mit der Natur
Ein Wald ist so viel mehr als eine Ansammlung von Bäumen. Er ist ein lebendiger, atmender Organismus, ein komplexes Ökosystem, das seit Jahrhunderten im Gleichgewicht lebt. Die nachhaltige Forstwirtschaft, der wir uns verschrieben haben, ist kein Eingriff in dieses System, sondern ein Dialog mit ihm. Es bedeutet, dem Wald nur so viel zu entnehmen, wie er auf natürliche Weise regenerieren kann. Es bedeutet, auf gesunde Mischwälder zu setzen statt auf schnelle Monokulturen.
Dieser respektvolle Umgang ist ein Versprechen an die Zukunft. Der Baum, der heute für einen unserer Tische ausgewählt wird, wuchs an einem Ort, an dem bereits eine neue Generation von Eichen, Buchen oder Eschen heranwächst. Es ist ein Kreislauf, kein Endpunkt. Und dieses Gefühl von Lebendigkeit und fortwährendem Leben steckt in jeder Faser unseres Holzes.
Die Wahl des Baumes – Der Beginn jeder Tisch-Idee
Für Schreinermeister Stefan Dosch beginnt die Arbeit nicht an der Werkbank in seiner HolzRaum Manufaktur, sondern hier, im Gespräch mit dem Förster. Die Auswahl des richtigen Stammes ist ein Akt der Intuition und jahrzehntelanger Erfahrung. Es geht nicht darum, irgendeinen Baum zu fällen. Es geht darum, den einen Baum zu finden, dessen Charakter und Wuchs perfekt zur Philosophie von Tisch-Ideen passt.
Wir suchen nach Stämmen, die eine Geschichte erzählen – durch einen geraden, ruhigen Wuchs, der für Stabilität und eine harmonische Maserung sorgt, oder manchmal auch durch kleine Eigenheiten, die später den einzigartigen Charakter einer Tischplatte ausmachen werden. Manchmal sind es aber auch glückliche Funde in einer alten Scheune, im Lager einer Burg oder dem Dachstuhl einer Kirche. Alten Hölzern neues Leben einzuhauchen ist ebenfalls ein Möglicher Geburtsmoment für einen Tisch. Besonders die bayerische Eiche mit ihrer Kraft und zeitlosen Schönheit hat es uns besonders angetan. Ihre Wahl ist der erste, entscheidende Schritt, um aus einem reinen Naturprodukt ein Kulturgut zu erschaffen.
Die Kunst der Geduld – Vom Stamm zur Bohle
Ein frisch geschlagener Baum ist voller Wasser und Leben. Würde man ihn sofort verarbeiten, würde sich das Holz verziehen, reißen und seine Form verlieren. Jetzt beginnt der vielleicht wichtigste und am meisten unterschätzte Teil der Reise: die Trocknung. Und hier ist unser wertvollster Mitarbeiter die Zeit.
Nach dem Aufsägen des Stammes zu Bohlen werden diese sorgfältig aufgestapelt, mit Abstandshalten dazwischen, damit die Luft zirkulieren kann. Monatelang, manchmal jahrelang, dürfen sie an der frischen Luft langsam und auf natürliche Weise trocknen. Erst danach folgt eine finale, schonende Trocknung in einer speziellen Kammer, um die ideale Holzfeuchte für den Möbelbau zu erreichen. Dieser langsame, geduldige Prozess garantiert, dass das Holz später „arbeitet“, ohne sich zu verwerfen. Es bleibt stabil und treu – eine Qualität, die man in schnell produzierten Möbeln vergeblich sucht.
Fazit: Die Geburt eines Charakters
Wenn die getrockneten Bohlen schließlich in unserer Werkstatt in Kaltenberg ankommen, ist die Reise des Baumes nicht zu Ende. Sie geht in eine neue Phase über. In der Maserung, der Farbe und der Haptik des Holzes ist seine ganze Geschichte gespeichert: die kargen Winter, die sonnigen Sommer, der Boden, auf dem es wuchs. Es ist kein totes Material. Es ist ein Werkstoff voller Charakter und Potenzial, bereit, seine Geschichte in einem neuen Umfeld weiterzuerzählen.
Ausblick
Die Seele des Waldes ist nun in der Holzbohle gebannt. Sie ist bereit. Doch wie verwandelt man dieses rohe, charakterstarke Material in ein funktionales, ästhetisches und beständiges Möbelstück? Wie sorgt man dafür, dass die natürliche Schönheit des Holzes durchdachtes Design und perfekte Funktion erhält? Das ist der Moment, in dem die Magie der Hände und des Wissens beginnt.